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Schwälmer Weißstickerei: alles andere als verstaubt

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30 Jul

Anspruchsvolle Handarbeit besticht durch ihre große Vielfalt an Mustern – Ein Selbstversuch beim Lauterbacher Stickkreis

LAUTERBACH. Kennen Sie Mückenstiche? Nein, nicht jene, die jucken und schmerzen und sichtbare Pusteln auf der Haut hinterlassen, sondern solche, die selbst entwickelt werden, dauerhaft Freude bereiten, lange halten und in Kombination mit anderen Stichen wunderschöne Muster ergeben? Die Mückenstiche zählen zu den Varianten der „Schwälmer Weißstickerei“, die – in Fortführung einer mehr als dreihundertjährigen Tradition – seit mehreren Jahren vom Lauterbacher Stickkreis betrieben und gepflegt wird.

Kürzlich erhielt ich eine Einladung zum Besuch des Lauterbacher Stickkreises, um dieses Kunsthandwerk den Lesern (und vor allem den Leserinnen) vorzustellen. Ich war (als Mann) sehr gespannt und etwas skeptisch, was mich wohl beim Stickkreis erwarten würde, der turnusmäßig einmal im Monat bei einer der Teilnehmerinnen stattfindet.

Dunkel konnte ich mich erinnern, dass das Sticken eine textile Technik ist, bei der ein Trägermaterial (meistens Stoff, aber auch Leder und Papier) mittels Durchziehen oder Aufnähen von Fäden verziert wird. Was mir nicht bewusst war, ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn man einen glatten Leinenstoff zum Beispiel mit einem Durchbruchsaum verziert, der zwischen Erbslochhohlsäumen liegt, und auf diese Weise eine einfache Tischdecke kostbar veredelt.

„Am besten ist der Selbstversuch“, sagt Helga Funke, und reicht mir ein Stück Leinenstoff, einen runden Stickrahmen und die üblichen Stickutensilien wie Sticknadeln, Stecknadeln, Garn und Fingerhut. Meine Aufgabe besteht darin, einen einfachen Hohlsaum anzufertigen. Dazu müssen zwei Fäden aus dem Stoff gezogen, die Ecken fertiggestellt und jeweils vier senkrechte Fäden des Leinenstoffes mit der Sticknadel zusammengezogen werden. Das Ergebnis ist ein Saum, der aus „Löchern und Garnbündeln“ besteht, die sich abwechseln. Ich bin nicht nur überrascht von der Ästhetik des Musters, sondern muss auch feststellen, dass ich während der kurzen Stickerei meine Umwelt fast vergessen hätte und vollkommen „versunken“ in meine Tätigkeit war.

Das Ziel des Selbstversuchs ist erreicht: Ich habe festgestellt, dass eine anspruchsvolle Handarbeit wie die „Schwälmer Weißstickerei“ eine tiefe Befriedigung erzeugen kann und dabei hilft, den Alltag für ein paar Stunden zu vergessen und „zu sich selbst“ zu finden, also genau das, was man mit einem Hobby im besten Sinne erreichen kann. Die Anwendungen sind mannigfaltig, denn nicht nur Tischdecken lassen sich verzieren, sondern auch Kissenbezüge und Tischläufer bis hin zu Taufkleidern, Lampenschirmen und gerahmten Stoffbildern, eben alles, was aus Leinenstoff gefertigt werden kann.

Die „Schwälmer Weißstickerei“ besticht im wahrsten Sinnen des Wortes durch ihre unendliche Vielfalt an Mustern, Durchbrüchen, Hohlsäumen und Zierstichen. Sie gilt deshalb mit Fug und Recht als schönste und vielfältigste Weißstickerei im deutschen Raum und hat sich deshalb in unserer Heimat länger bewahrt als in anderen Gebieten.

Anspruchsvolle Handarbeit besticht durch ihre große Vielfalt an Mustern – Ein Selbstversuch beim Lauterbacher Stickkreis

In der Blütezeit der Stickerei im Mittelalter wurden vor allem geistliche Gewänder und Altarstoffe von Nonnen prächtig bestickt. Dabei überwog die Buntstickerei, die Materialien bestanden aus Leinen, Tuch, Seide und anderen geeigneten Stoffen, das Garn aus Seide, Goldfaden oder gefärbter Wolle. Die Stiche variierten nach Bedarf und Region, so kamen zum Beispiel in Frankreich der sehr feine Petitpoint- und der Richelieu-Stich zum Einsatz, während für bestimmte Anwendungen, z.B. für das Sticken von Bildern, der Kelim- und der Gobelinstich sowie die Nadelmalerei verwendet wurden.

Die Weißstickerei konzentriert sich traditionell auf die Verzierung von Wäsche und Tischzeug. Im 19. Jahrhundert wurden hierfür Maschinen erfunden, die die aufwändige Handarbeit ersetzten. In Deutschland wird die Maschinenstickerei vor allem im sächsischen Vogtland („Plauener Spitze“), dem angrenzenden Erzgebirge und in Oberfranken praktiziert. Auf diese Art und Weise etablierte sich eine Stickerei, die billig und in großen Mengen Verzierungen „produzierte“, ohne allerdings qualitativ an die traditionelle Handarbeit heranzureichen.

So sind die Schwalm und der Vogelsbergkreis nahezu die einzige Region in Deutschland, in der die alte Stickkunst noch von Hand betrieben und lebendig gehalten wird. Die handwerkliche Weißstickerei ist deshalb zweifellos eine „bedrohte Kulturtechnik“, die es verdient, aufrecht erhalten und gefördert zu werden. Dank der Eigeninitiative einiger aktiver Frauen, zum Beispiel im Lauterbacher Stickkreis, ist die „Schwälmer Weißstickerei“ lebendig wie eh und je und wird hoffentlich noch lange Bestand haben.

Von Dieter Dutzmann

Quelle: giessener-anzeiger.de

 
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